Vom einfachen Packer zur rücksichtslosen Kampfmaschine

„Hier wird ein Mensch wie ein Auto ummontiert.“

Galy Gay; morgens noch ein einfacher Packer, abends zum kampflustigen Soldaten Jeraiah Jipp mutiert. Die Theatergruppe der EMS Schiers brachte unter der Leitung von Ursina Hartmann das Stück «Mann ist Mann» von Bertolt Brecht mit vollem Einsatz und viel Witz auf die Bühne. 

Gerade erfüllt noch aufgeregtes Flüstern die Turnhalle der EMS Schiers, als es plötzlich stockdunkel wird. Gespannt verstummt das Publikum und lauscht den zaghaft einsetzenden Schlagzeugschlägen. Die Lautstärke schwillt an. Die Bühne erwacht zum Leben.

Ein bunter, orientalisch geschmückter Holzturm und die stets gut besuchte Kantine der Witwe Begbick versetzen die Zuschauer*innen in ein Armeelager der britischen Kolonialmacht nach Kilkoa im Jahre 1925.

So einfach klingt das Vorhaben des Galy Gay, als er seiner Frau stolz verkündet, einen Fisch kaufen zu wollen. Sie solle bereits das Wasser aufsetzen, er sei bald zurück.

„Herr Bertolt Brecht behauptet: Mann ist Mann. Und das ist etwas, was jeder kann. Aber Herr Bertolt Brecht beweist auch dann, dass man mit einem Menschen beliebig viel machen kann. Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert, ohne dass er irgend etwas dabei verliert.“ So lauten die Worte der Witwe Begbick. Und sie sollte Recht behalten angesichts dessen, was sich in ihrer Kantine bei viel Bier und Zigaretten vor den Augen der Zuschauer*innen abspielt. 

Nicht nur dem Publikum wird schnell klar, Galy Gay ist ein Mann, der nicht Nein sagen kann. So lässt er sich bereits kurz nach seinem Aufbruch statt eines Fisches, eine Gurke aufschwatzen. Auch den drei Soldaten einer Maschinengewehrabteilung kann er keinen Gefallen abschlagen. Beim nächtlichen Plündern einer Pagode wurde diesen eine Falle gestellt, so dass ihr vierter Mann, Jeraiah Jipp, an der Tür ein Viertel Pfund Haare verloren hat. 

Viel zu auffällig, ist Sergeant Fairchild doch bereits auf der Spur der Verbrecher. Dem Sergeant eilt sein Spitzname «Blutiger Fünfer» weit über Kilkoa hinweg voraus. Doch der Schein trügt. Lernt man ihn als einschüchternden Befehlshaber kennen, zeigt sich wenig später seine schwache, leichtgläubige Seite. Kaum beginnt der Regen zu fallen, brechen bei ihm alle Dämme und der Alkohol fliesst in Strömen. Weder gelingt es ihm, der Verführung der Witwe Begbick zu widerstehen, noch kann er sich im Vollrausch mit seiner Treffsicherheit vor den Soldaten beweisen. Doch eine Maschinengewehrabteilung ohne ihren vierten Mann würde selbst ihm auffallen. Galy Gay kommt daher wie gerufen. Für ein paar Kisten Zigaretten und Bier schlüpft dieser nur zu gern in die viel zu grosse Uniform und tritt zum Appell als Jeraiah Jipp an. 

Doch damit nicht genug. Die Soldaten treiben ihn so weit, bis der Arme schlussendlich selbst nicht mehr weiss, wer er eigentlich ist. Immer wieder versucht Galy Gay sich erfolglos aus der Affäre zu ziehen. Leichtgläubig wie er ist, lässt er sich sogar dazu überreden, einen Elefanten, den es gar nicht gibt, zu versteigern. Was ihn natürlich zum Gespött macht – aber auch als Betrüger abstempelt. Unausweichlich gerät er in die Situation, wenn auch nur scheinbar, deswegen hingerichtet und beerdigt zu werden. Sogar die Grabrede darf er halten. Ihm bleibt keine andere Möglichkeit, als nicht mehr länger Galy Gay zu sein. Er ist nun Jeraiah Jipp und marschiert als Soldat an die nördliche Grenze. Vergessen sind sein Leben als Packer, seine Frau und sein Plan, einen Fisch zu kaufen. Brecht scheint bewiesen zu haben: «Mann ist Mann.»

Kaum sind die letzten Kanonenschüsse verhallt, brandet der Applaus auf. Die Witwe Begbick, gespielt von Ladina Mahler, zog mit ihrem gefühlvollen Solo alle in ihren Bann. Musikalische Begleitung bekam sie dabei erstmalig von Mischa Weiss. Fadri Meyer beeindruckte ebenfalls in seiner Rolle, so dass wohl jede*r Zuschauer*in Mitleid mit Galy Gay hatte, über dessen Unbeholfenheit aber auch mehrmals schmunzeln musste. Alle Schauspieler*innen überzeugten mit ihren glaubhaften Darbietungen. So zweifelte auch niemand daran, dass der Sergeant, verkörpert von Tom Ebinger sicherlich ein paar Fläschchen zu viel intus hatte. Den Schauspieler*innen gelang es mit Bravour das Publikum zu fesseln. Die doch sehr dramatische Geschichte wurde gekonnt durchbrochen mit viel Humor und kuriosen, geradezu grotesken Szenen.

Text: Caroline

Bilder: Tabea

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