Bestseller-Autor und ehemaliger EMS-Schüler: Thomas Meyer

Janina. Schriftsteller, Texter, Aktionskünstler und Drehbuchautor. Thomas Meyer landete mit seinem ersten Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» gleich einen Bestseller. Mit «Aktion für ein kluges Zürich» oder dem Buch «Trennt euch» regt er Herr und Frau Schweizer zum Nachdenken an und eröffnet hitzige Diskussionen. Als ehemaliger EMS Schüler kehrte er anlässlich des Rössliabends erstmals wieder an die Schule zurück. Im Interview erzählt er von seiner Zeit als Schüler, seinem Studienabbruch und wieso es sich nicht lohnt, für die Liebe zu kämpfen.

«Eigentlich wissen wir es ja ganz genau, wenn etwas gut ist oder ein Kabis»

Thomas Meyer, Schriftsteller, Texter, Aktionskünstler und Drehbuchautor

Es wurden viele Änderungen an der EMS vorgenommen. Wecken diese Räume und Gänge trotzdem noch Erinnerungen an Ihre Zeit als Schüler hier?

Und zwar haufenweise. Ich war jetzt 25 Jahre lang nicht mehr hier. Ich hatte die Matura absolviert und bin dann gegangen und obwohl jetzt so viel anders ist, ist der Ort immer noch der gleiche und ich bin immer noch der Gleiche. Ja es kamen mir gerade sehr viele Erinnerungen hoch.

Was waren Sie denn für eine Art von Schüler? Der Beliebte? Der Probleme-Macher?

Bei wem? (lacht)

Vielleicht im Deutschunterricht?

Wer war nochmals im Deutsch? Ah, der Herr Jenni. Den habe ich immer super gefunden. Ich glaube es war recht schwarz, weiss. Es gab Lehrer, mit denen ich mich gut verstand und dort habe ich mich dann auch gerne eingebracht. Das war dann auch gegenseitig. Es gab aber auch zwei drei, mit denen ich es nicht wirklich konnte.

Waren Sie denn gut im Deutschunterricht?

Sagen wir es so: Ich wäre heute ein besserer Schüler. Und der umgänglichere. Und der fleissigere.

Wie hat die EMS Ihre Berufs-/Studienwahl beeinflusst?

Gar nicht. Natürlich kam während der 7. Klasse die Frage, was nach der Matura kommen soll und ich hatte keine Antwort darauf. Dann hat man mich ans Institut für Angewandte Psychologie geschleppt für einen IQ Test und ein grafologisches Gutachten und hat herausgefunden, dass jemand, der nicht weiss, was er will, in einem Jus Studium am besten aufgehoben ist. Ich habe dann angefangen und auch wieder aufgehört. Aber das hatte mit der EMS nichts zu tun.

Sie haben ja dann eben Ihr Studium im 3. Semester abgebrochen. War dies eine leichte Entscheidung?

Eine sehr leichte. Es gibt ja so eine Philosophie und ich denke, es ist eine sehr schweizerische Philosophie, dass man eine solide Ausbildung braucht und dass man keine riskanten Experimente wagen sollte, dass man halt lieber auf Nummer sicher geht. Ich habe diese Philosophie nie geteilt. Ich hatte eine andere Philosophie, dass ich das mache, wo ich dahinterstehen kann. Darum hatte ich auch keine Mühe, dieses Studium zu beenden. Nicht zuletzt auch weil ich finde, dass solche Sachen ja nie endgültig sind. Also selbst wenn man findet, doch ich muss das weiterführen, dann kann man das ja machen, gerade bei einem Studium. Bei einer Beziehung wird es schon schwieriger, wenn man sich mal getrennt hat, die wieder aufzunehmen. Aber bei einem Studium fand ich nicht, dass es ein grosser Fehler sein kann. Selbst wenn ich mich quasi besinne, würde mich die Universität ja wieder nehmen.

Wie reagierte Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung?

Auf den Studiums Abbruch reagierten sie weniger prägnant. Meine Eltern fanden es natürlich furchtbar. Das müssen Eltern ja. Aber mein Umfeld reagierte sehr interessant, als ich meinte, ich wolle nicht mehr studieren, sondern in die Werbebranche gehen. Und dort haben alle bis auf meine Freundin Deborah, die ich hier oben kennengelernt hatte und mich unterstützte, gefunden, das schaffst du eh nicht. Was auch wieder in meinem Empfinden sehr schweizerisch ist, dass man sagt, das klappt eh nie. Du musst dann ja noch eine zusätzliche Ausbildung machen und da wollen ja alle hin. Also einfach dieses Kleinmachen war sehr ausgeprägt. Ich dachte mir, ich habe ja nicht gesagt, ich wolle auf den Mond fliegen.

Also sollten wir in der Schweiz mutiger werden?

Jaa. (zögerlich) Oder halt einfach unterstützender und weniger ängstlich. Vor allem sollte man nur über Dinge reden, von denen man etwas versteht. Gerade bei der Werbung habe ich gefunden, dass dies ja eine Branche ist, die existiert mit arbeitenden Leuten. Also ist es ja nicht unmöglich, dort einzusteigen.

Wurden Sie denn als Autor geboren oder sind Sie zum Autor herangewachsen? Also wollten Sie schon immer Autor werden oder kam das erst mit der Zeit?

Das kam erst mit der Zeit. Man muss ja erstmals wissen, was ein Autor ist, bevor man sagt, man will das sein. So erging es mir mit dem Beruf Werbetexter. Ich wusste nicht, dass es diesen Beruf gibt. Erst als ich erfuhr, dass dieses Berufsbild existiert, wuchs dann die Entscheidung in mir, dass ich das machen will. Mit dem Autor sein war es dasselbe. Ich habe mir lesen und schreiben selbst beigebracht und da kann man sagen, wer das macht, geht wahrscheinlich in so eine Richtung. Aber ich wusste mit fünf Jahren ja nicht, dass es Leute gibt, die Bücher schreiben und davon leben. Ich weiss nicht, ob ich schon immer Autor werden wollte. Was ich weiss, ist, dass es Leute gab, die versuchten, mich davon abzuhalten.

Unter anderem starteten Sie die «Aktion für ein kluges Zürich». Was für Zettel würden Sie bei der «Aktion für eine kluge Jugend» schreiben?

Wahrscheinlich würde ich die gleichen Fragen stellen. Das mit dem klugen Zürich schrieb ich nur darunter, weil ich fand, die Fragen brauchen einen Absender. Sonst könnte man denken, es sei eine religiöse Gruppierung oder es sei Werbung für etwas und ich wollte beides ausschliessen. Ich fand das ist ein kulturelles Projekt, weshalb ich «Aktion für ein kluges Zürich» daruntergeschrieben habe. Für die Jugend könnte man schon noch spezifischere Fragen stellen.

Was für welche?

(Überlegt) Ich frage mich halt, ob die Jugend schätzt, dass sie die Jugend ist. Man merkt ja erst später, dass man es hätte schätzen können.

In dem Fall würden Sie bei «Aktion für ein kluges Prättigau» auch die gleichen Fragen stellen?

Ja. Ich denke schon. Also früher, ich kann ja dazu stehen (lacht), kam ich von Zürich und landete hier gegen meinen Willen. Dieses Ländliche löste bei mir grossen Widerstand aus. Es war nicht das, was ich wollte und ich habe es deshalb stark abgelehnt. Hätten Sie mir damals diese Aufgabe gestellt, hätte ich gefunden, dieses Prättigau braucht dringend intellektuelle Erziehung. Aber heute sehe ich das alles anders. Heute fühle ich mich in dieser Umgebung hier wohler als in der städtischen. Das ist eben auch so etwas. Ich hatte drei Jahre lang eine super Natur um mich herum und schätzte es überhaupt nicht. Weil ich nicht wirklich etwas damit anfangen konnte.

Man sollte also als junger Mensch mehr schätzen, was man um sich hat.

Es kommt natürlich darauf an, was man um sich hat. Das Leben wird halt nicht einfacher. So viel ist klar. Es hat mit Konsequenzen zu tun von Entscheidungen. Mit 20 kann ich sagen, ich studiere das jetzt mal und wenn ich merke, das will ich eigentlich nicht, höre ich wieder auf. Oder ich kann mal mit dem Menschen zusammen sein oder mit jenem. Diese Entscheidungen haben nicht so grosse Konsequenzen. Aber wenn ich mit 45 entscheide, ich lasse mich mit diesem Menschen ein, dann hat das ein ganz anderes Ausmass. Oder wenn ich mit 35 oder 40 einen Kurswechsel in der Berufswahl mache, hat das auch eine grössere Gewichtung, weil ich dann auch wie dabeibleiben muss. Der Raum für Experimente ist einfach viel kleiner und der Raum für Konsequenzen viel grösser.

Zum Thema Beziehung noch. Sie haben ja «Trennt euch» verfasst, in welchem Sie Paaren raten, sich so schnell wie möglich zu trennen, wenn es mit der Beziehung nicht mehr passt. Lohnt es sich demnach nicht mehr, für die Liebe zu kämpfen?

Ich fand es immer seltsam, dass man Liebe und Kampf in den gleichen Satz setzt. Ich finde, wenn Liebe etwas ist, um was man kämpfen muss, dann ist es nicht mehr gut. Ich glaube auch nicht, dass es funktioniert. Ich finde es wichtig, dass man seine Beziehung ernst nimmt und sich darum bemüht. Und um den Anderen und das Verständnis. Aber wenn das zum Kampf wird, dann ist es wahrscheinlich schon zu spät. Meine Antwort: Nein.

Heutzutage sind ja Dating Portale der Ort, um seinen Partner zu finden. Dort wird ja dann genau dieser «perfect match» vorgeschlagen, basierend auf Interessen und Charaktereigenschaften. Dies wäre ja dann die Lösung, um diesen Partner zu finden, mit dem es passt. Oder sind Sie anderer Meinung?

Es gibt Dating Portale, die dies machen wie zum Beispiel, wie heisst es, Parship. Dort geht es ja stark um Ähnlichkeit. Ich kenne jetzt die Erfolgsquote nicht, aber das Ding ist halt, selbst wenn ich 20 Frauen vor mir habe, welche ähnlich sind wie ich, heisst das noch lange nicht, dass ich auch eine attraktiv finde. Ohne das geht es ja schon auch nicht. Aber das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir alleine von der Attraktivität ableiten, dass wir uns auch gut verstehen und das ist einfach nicht so. Diese Dating Plattformen, wie sie auch immer gelagert sind, bringen einen nicht drumherum, wirklich herauszufinden, was das für ein Mensch ist. Ich finde, bevor man sich ernsthaft mit jemandem einlässt, muss man mal darüber reden, wie man sich das vorstellt. Eine ältere Dame, die ich nicht kenne, hat mir einmal ein E-Mail geschrieben. Meine letzte Trennung wurde ja eher öffentlich behandelt. Sie hat mir geschrieben: Herr Meyer, es tut mir leid, dass es nicht geklappt hat, aber für das nächste Mal habe ich Ihnen einen Tipp: Schreiben Sie doch auf, was für Sie wichtig ist in einer Beziehung und was für Sie gar nicht geht. Bedingungen und «Dealbreakers» so zu sagen. Ihre Partnerin soll das Gleiche machen und dann tauschen Sie diese Zettel aus und reden darüber. Das ist sehr schlau. Vor allem, wenn es etwas Ernsthaftes sein soll, muss man schon wissen, ob der andere die Dinge so sieht wie man selbst. Es gibt einfach Unterschiede, die zu gross sind.

Sie raten den Leuten also, bevor man eine Beziehung eingeht, dies zu machen.

Das ist jetzt so technisch. Schlussendlich läuft es ja dann doch anders, da ja noch Sexualität, Gefühle und so im Spiel sind. Das ist dann nicht so klinisch, wie ich es auch in «Trennt euch» aufgeschrieben habe. Dies war mehr eine Anregung, sich immer wieder zu fragen, wo stehen wir eigentlich. Ist es das, was du willst oder willst du etwas anderes? Ein guter Freund von mir, gleich alt wie ich, hat schon zwei Kinder im Teenageralter und ist unterbunden und nicht mehr in der Lage, Kinder zu haben. Aber seine Partnerin will jetzt unbedingt ein Kind mit ihm. Sie ist jünger als er. Das sind zwei komplett verschiedene Bedürfnisse. Sie will eine Familie gründen mit ihm und er hat bereits Kinder und ist nicht dazu bereit, dieses Spiel noch einmal zu machen. Jetzt haben sie natürlich einen riesigen Konflikt. Diese Beziehung kann nun nur funktionieren, indem beide sich verbiegen und sich auf Hoffnungen stützen, welche sich eventuell erfüllen. Das ist dann halt nur noch in der Theorie lässig. Es gibt diverse Differenzen, die nicht zu überwinden sind, egal wie gerne man sich hat. Das ist halt einfach so.

Wir leben ja auch in einer schnelllebigen Welt und einer Welt der Superlative. Man strebt nach dem Besseren, Perfekten. Gerade auch unter Jugendlichen sind Beziehungen oft nicht aufs Bleiben ausgelegt. Wäre es nicht besser, den Leuten zu raten, auch mal durchzuhalten und Schwierigkeiten zu überwinden? Das Leben ist ja nicht immer perfekt.

Woher nehmen Sie das, dass Beziehungen unter Jugendlichen nicht aufs Bleiben ausgelegt sind? Auf was ist es dann ausgelegt?

Von meinem Umfeld. Man überlegt sich nicht viel dabei. Es ist mehr auf den Spass ausgelegt oder auch auf den Druck, welcher vom Umfeld kommt, wenn man sich denkt, das habe ich noch nicht gemacht, aber andere schon.

Also drei Dinge. Erstens kann ich nicht beurteilen, wie das heute bei jungen Menschen gehandhabt wird, weil ich keiner mehr bin. Ich weiss nur, wie ich das gehandhabt habe, damals und wie es jetzt in meinem Umfeld gehandhabt wird. Zweitens geht es, glaube ich, wenn man jung ist, in erster Linie darum, Erfahrungen zu sammeln und tatsächlich auch seinen Spass zu haben. Ich finde, es ist in Ordnung, wenn man da nicht unbedingt darauf aus ist, zehn oder noch mehr Jahre mit jemandem zusammenzubleiben, weil sich ja auch so viel verändert und so schnell, dass das nicht realistisch ist. Egal was Hollywood uns vorgibt. Und drittens kenne ich niemanden, bei dem ich hätte sagen müssen oder gesagt habe, so schade bist du nicht drangeblieben. Es fällt mir niemand ein. Oder wo ich sage, ihr hättet einfach noch zwei Monate probieren sollen. Es war nie so. Aber ich kenne unzählige, wo ich sage, ihr hättet schon vor fünf Jahren diesen Seich aufgeben sollen. Es ist wirklich nicht gut. Ihr versteht euch nicht, ihr findet euch, wenn ihr ehrlich seid, recht blöd, auch wenn ihr einander gerne habt. Ich sehe mehr das. Als Kritik zu meinem Buch habe ich oft gehört: Heute ist ja niemand mehr bereit, etwas für eine Beziehung zu tun und die Leute laufen einander ja die ganze Zeit davon. Ich finde, man hört das immer, ich sehe es aber nirgends. Das kann an mir liegen, aber das kann auch daran liegen, dass es gar nicht so ist. Ich weiss es nicht. Aber ich kann jetzt zum Beispiel noch für Männer reden. Wenn diese jung sind, so Mitte 20, und jetzt eher Lust auf Eroberungen haben als auf Nestbau, das kann ich nachvollziehen.

Denken Sie nicht, eine Schwierigkeit zu überwinden kann auch eine positive Auswirkung auf eine Beziehung haben?

Es kommt auf die Schwierigkeit drauf an. Und ob es eine Schwierigkeit oder Unmöglichkeit ist. Auch was der Einzelne dazu beiträgt. Wenn jemand ein Trauma aus der Kindheit in die Beziehung bringt und sich dort entfaltet, weil es wieder um Nähe geht, aber dieser Mensch nicht bereit ist, auch auf sich zu schauen und das aufzuarbeiten, sondern immer nur der Meinung ist, wir haben eine schlechte Stimmung, also bist du daran schuld. Wie will ich mit so jemandem arbeiten oder aushalten? Der will ja dann einfach nicht. Es ist halt häufig so, dass alte, schlechte Dinge so abgespalten sind, dass es nur schon ein riesiger Aufwand ist, dieser Person klarzumachen, dass sie eine Altlast bei sich hat, die man mal anschauen müsste. Wenn das aber jemand ist, der sagt: «Schau ich habe Probleme und du hast Probleme, wie wir alle» und bereit ist, zu unterscheiden zwischen meinem Scheiss, unserem Scheiss und deinem Scheiss und wenn es um seinen Scheiss geht, sich darum kümmert, dann ist es sehr wohl wert, dies auszuhalten. Aber eben das setzt voraus, dass jemand dazu bereit ist und das ist eher eine Ausnahme als die Regel.

Welchen Rat würden Sie absolut niemandem geben?

Da habe ich eine ganze Liste. Aber da wir gerade beim Thema Beziehungen waren: Etwas aufrechtzuerhalten, was einem jeden Tag nicht guttut. Etwas weiterzumachen entgegen der eigenen Natur und dem eigenen Wohlbefinden. Weil egal was der Lohn ist, von dem man das Gefühl hat, kriege man, der Preis ist zu hoch. Immer. Ich kenne niemanden, bei dem ich denke, das hat sich jetzt gelohnt, dass du dich 20 Jahre lang verbogen und belogen hast.

Also man sollte mehr auf sich selbst schauen?

Einfach auf seine Intuition achten. Ich rede häufig davon und man sagt ja, das sei vor allem eine weibliche Tugend. Aber Intuition haben wir alle. Wir hören einfach sehr schlecht auf sie. Eigentlich wissen wir es ja ganz genau, wenn etwas gut ist oder ein Kabis. Wenn etwas nicht funktioniert und mir nicht hilft, mich zu entwickeln und zu wachsen, dann ist es nicht wert. Das ist meine Meinung. Was uns wieder zurück zum Anfang bringt. Darum habe ich dieses Studium abgebrochen, weil ich fand, das bringt mich nicht weiter.

Interview/Text: Janina
Bilder: Riccarda
Das Interview wurde aus dem Schweizerdeutschen transkribiert und von der Redaktion gekürzt.

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