Immigranten – nicht Ausländer!

Aline. Am Nachmittag des 18. Septembers 2019 versammelte sich die ganze Oberstufe der EMS nach Schulschluss in der Aula. Weshalb? – Zuvor hatte Schulleiter Hans-Andrea Tarnutzer sie per Mail aufgefordert, an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. 7 Jungpolitiker der 7 grössten Parteien in Graubünden, fast alle Kandidaten für die anstehende Nationalratswahl, sollten dem Publikum Rede und Antwort stehen.

Moderator und Alt-Grossrat Martin Jäger führte in die Diskussion, indem er jeden Kandidaten aufforderte, seine Ferien in vier Sätzen zu beschreiben. Wir Jugendlichen im Publikum konnten schnell feststellen, dass die Politiker/-innen auch nicht perfekt sind. Denn trotz der brandaktuellen Klimadebatte rund um Greta Thunberg gaben viele zu, in die Ferien geflogen zu sein. Anschliessend teilten alle ihre persönliche Motivation für ihre Kandidatur trotz des jungen Alters mit. Die Antworten waren alle ähnlich, junge Leute bräuchten Stimmen, Politikbegeisterung und die Zukunft wurden gerne genannt. Schon diese kleine Einleitung ging recht schleppend voran, da, wie erwähnt, sehr vieles doppelt und dreifach gesagt wurde. Viele im Publikum brannten geradezu darauf, den Politiker/-innen die eigenen Fragen zu stellen, einige Klassen hatten sich dafür sogar extra Zeit genommen.

Fehlende Motivation

Jäger kündigte auch sogleich an, mit dem nächsten Teil fortzufahren. Dabei handelte es sich um ein vorbereitetes Spiel. Jede Kandidatin und jeder Kandidat zog einen Zettel mit dem Namen eines Bundesrates, einer Bundesrätin. Daraufhin sollte eine kurze Message an die ausgewählte Person ausgesprochen werden. Allerdings kam auch dieses Spiel nur sehr langsam ins Rollen, keiner der Politiker/-innen zeigte echten Enthusiasmus. Häufig konnte auch nur sehr wenig zu einem Bundesrat/einer Bundesrätin gesagt werden, weil sich die Kandidaten alle für ein Thema besonders einsetzten und teilweise „die falsche Person“ gezogen hatten. So nahm die Diskussion dann ihren Lauf, es wurde ein Zettel gezogen, sieben Aussagen gemacht, und das Ganze ging wieder von vorne los. Ein kurzer Blick ins Publikum bestätigte, dass niemand mehr so ganz bei der Sache war. Viele tuschelten oder gähnten verstohlen, kurz: Die Motivation fehlte. Die Leistung des Moderators liess ebenfalls stark zu wünschen übrig, er beteiligte sich so gut wie gar nicht und liess die Kandidaten viel zu weit ausschweifen.

Alle gegen die SVP?

Der einzige spannende Moment ereignete sich, als Bundesrätin Karin Keller-Suter (u. a. zuständig für Asylpolitik) gezogen wurde. Erstmals baute sich eine erkennbare Diskussion auf, die Politiker/-innen nahmen Bezug auf die vorher genannten Argumente der Gegner. Zur Diskussion stand die Kriminalität der Ausländer. SVP-Mann Nespolo begann sogleich mit Zahlen aus Gefängnissen und häuslicher Gewalt, Christen von den Jungen Grünen konterte jedoch gekonnt mit dem kleinen, aber bedeutenden Unterschied zwischen dem Begriff „Ausländer“ und „Immigrant“. Dies brachte ihm zunächst ein anerkennendes Raunen, dann sogar einen kräftigen Applaus ein. Als Nespolo anschliessend auf eine Publikumsfrage zugeben musste, nichts von umweltschädlichen Schweizer Lastschiffen gewusst zu haben, klatschten und johlten die Schüler ein weiteres Mal beherzt.

Fazit

Jäger beendete die Diskussion pünktlich, aber viele Schüler begannen sogleich, sich auszutauschen. In einem Punkt waren sich alle einig: Die Podiumsdiskussion wurde mangelhaft umgesetzt. Man hätte sich mehr Fragen aus dem Publikum gewünscht, anstatt sich zehnminütige Monologe anzuhören. Die Intervention des Moderators hätte besser sein müssen. Das Zettel-Ziehen war keine gute Idee, man hätte es offener gestalten sollen. Die Themen hätten den Interessen der Schüler entsprechen sollen. So hätten sich viele den Schwerpunkt Umweltpolitik gewünscht, ebenso wie eine Redezeitbegrenzung, manche Kandidaten kamen nämlich nur sporadisch zu Wort. Stark positiv aufgefallen war aber allen natürlich die Schlagfertigkeit des jüngsten Kandidaten (Christen) gegen die wohl unsympathische SVP. Summa summarum, die Idee einer Podiumsdiskussion ist sehr gut. Wir Jugendlichen interessieren uns immer mehr für Politik und würden gerne die Erfahrung sammeln, einmal mit Politiker/-innen zu diskutieren.

Potenzial

Ein grosser Erfolg dieser Diskussionen kann bereits an der Gewerblichen Berufsschule Chur verzeichnet werden, wo man im Zeitraum vor den Wahlen täglich Diskussionen mit wechselnden Kandidaten durchführt. Angaben zufolge werden dort vor allem Themen diskutiert, welche die Lernenden auch wirklich interessieren sowie die Klimadebatte oder Stimmrechtsalter 16. Nach dieser Diskussion wurde ausschliesslich positives Feedback abgegeben. Quelle: Bündner Tagblatt vom 01.10.2019, Autor Andri Nay

Text: Aline Schweiger
Bilder: Anissa Ammann

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