Im Zug

Pierina. Wer kennt sie denn nicht? Jene Zugfahrten, die kein Ende nehmen und bei welchen sich das Reiseziel eher entfernt, als dass es näher zu kommen scheint. Und trotzdem wage ich zu behaupten, dass diese langweiligen Reisen zu einer ganz besonderen Beschäftigung werden können, wenn wir einen Perspektivenwechsel vornehmen.

Denn es geschieht einerseits so vieles um einen herum und andererseits doch rein gar nichts. Eher selten kommt es vor, dass man sich alleine in einem Bahnwagen befindet, in welchem absolute Stille herrscht, und doch fühlt sich niemand besonders wohl dabei, wenn dies der Fall ist.

Ich sitze nun – genau zu dieser Zeit – in einem belebten Abteil eines Zuges und versuche, die Stimmung hier in Worte zu fassen. Die meisten meiner Sitznachbarn sind auf ihr Handy fokussiert und vertreiben ihre Zeit, indem sie Nachrichten schreiben, Serien schauen, Spiele spielen oder die News zum zehnten Mal checken.

Auch das typische Beispiel eines gestressten Geschäftsmannes, der mit seinem eher privaten Telefonat über die Arbeit nicht noch 45 Minuten warten kann, darf ich euch nicht vorenthalten. Glücklicherweise bin ich – und auch die übrigen Fahrgäste – nun bestens informiert über seinen strengen Job als Anwalt und den neusten schwierigen Fall, den er nichtsdestotrotz angenommen hat.

Ich mag es, Gespräche von Menschen, die sich im Zug neu kennenlernen, mitzuverfolgen. Sie beginnen meist mit langweiligem Small Talk, der sich dann oft zu einem tiefgründigen Gedankenaustausch weiterentwickelt. Manche erzählen sich während der Fahrt ihre halbe Lebensgeschichte, obwohl sie wissen, dass sich ihre Wege in Kürze wieder trennen werden. Aber ist nicht gerade dies das Schöne daran? Jemandem seine Geschichte erzählen zu können ohne jegliches Nachspiel?

Mein Blick wandert aus dem Fenster hinaus in die Ferne. Wiesen, Felder, Berge und Seen ziehen vorbei, und alles scheint mir so endlos. Andrerseits erweckt alles einen vergänglichen Eindruck, denn die Aussicht ändert sich von Minute zu Minute. Trotzdem, ob endlos oder vergänglich, die bewegenden Bilder, welche an mir vorbeiziehen, wirken beruhigend und verschaffen mir Zeit zum Nachdenken. Wann hat man das sonst im Alltag?

Die Sprechanlage ertönt, und ich komme mit meinen Gedanken langsam wieder in die Realität zurück. Neben mir werden die Handys eingesteckt, das Telefonat beendet und die Lebensgeschichten schnell noch zu Ende besprochen. Die Leute schnappen ihr Gepäck und eilen zum Ausgang, damit sie ja die Ersten sind, die den Zug verlassen. Und alle verfolgen ihr eigenes Reiseziel weiter – in die verschiedensten Richtungen…

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