Die Traurigkeit der neuen Welt

Waffenruhe, Wirtschaft und Wohlstand – dank der Globalisierung scheint alles, was des Menschen Herz begehrt, präsent zu sein. Doch zeigt deren stets beschleunigende Ausdehnung auch Kehrseiten und Grenzen auf.

Das Ende des zweiten Weltkrieges gab den Impetus zu entscheidenden Entwicklungen: Es bildeten sich Währungsunionen, Wirtschaftspakete, Militärgemeinschaften und Bildungskooperationen. Nunmehr sind wir schon so vertraut mit den neusten Errungenschaften, dass wir sie gar nicht mehr ausblenden können. Tiefe Preisniveaus von jeglichen Konsumgütern erwecken den Anschein, dass die Endverbraucher die Gewinner der Denationalisierung sind. Das Angebot an Waren ist gigantisch und kann durch die Logistik als elementaren Faktor global vertrieben werden. Allerdings muss bedacht werden, dass Preise alleine nicht repräsentativ sind. Wichtig ist die Kaufkraft, die aufzeigt, wie viel mit einer bestimmten Menge Geld konsumiert werden kann. Importierte Waren aus Billiglohnländern erzwingen auf dem inländischen Markt durch den Wirtschaftsliberalismus Einsparungen. Viele Unternehmer entlassen Personal um konkurrenzfähig zu bleiben. Zusätzlich verlagert sich die Produktion von Gütern ins Ausland und führt so ebenfalls zu Massenarbeitslosigkeit. Das alles müsste nicht sein; fehlende Reformen, vor allem im administrativen Bereich verhindern, dass Länder ihren komparativen Vorteil, welcher auch die Basis des Handels im Allgemeinen ist, vollständig ausnutzen können. Erläuternd bedeutet dies, dass ein bestimmtes Land zu niedrigeren Opportunitätskosten als andere Länder zur Produktion fähig ist. Untersuchungen legen hierzu dar, dass auch Entwicklungsländer zu Fortschritt fähig sind. Sie besagen, dass sich das Einkommen von armen, globalisierten Ländern jährlich um fünf Prozent erhöht, jenes von armen, weniger globalisierten Ländern hingegen um ein Prozent pro Jahr sinkt. Man muss sich lediglich fragen, ob das entstehende Leid nicht ein zu hoher Preis ist. Denn Umwelt, Menschenrechte und auch die Demokratie werden vernachlässigt. Menschen in Schwellenländern werden ausgebeutet, um die Produktion und somit die Endprodukte zu vergünstigen. Kinderarbeit, wie beispielsweise in Indien, wo Kinder mit Presslufthammern an Steinbrüchen gefährliche Knochenarbeit verrichten müssen, ist nur eine Dimension dieser Problematik. Hinzu kommen die exzessive Umweltverschmutzung und die Ausschöpfung der ohnehin schon beschränkten Ressourcen. Solcher Beispiele mehr sind Beleg von einer enthumanisierten, losgelösten Ausbeutung durch Kapitalismus und Globalisierung, Systeme, in welchen niemand die unmittelbare Verantwortung über die Zustände trägt.

Erhard Blanck ein deutscher Heilpraktiker, Schriftsteller und Maler des letzten Jahrhunderts versuchte seiner Umgebung die Augen zu öffnen: „Kapitalismus ist die Ausbeutung der Massen durch die Einzelnen. Globalisierung ist die Ausbeutung der Massen durch die Massen für die Einzelnen.“ Durch die Propaganda der monströsen Kapitallobby, besteht der Glaube an den Profit und den Wohlstand aller weiterhin. Der Wohlstand ist jedoch äusserst ungleichmässig verteilt und die Geschichte lehrt uns, dass dies zu Spannungen führt. Wenige herrschen über sozioökonomische Geschehnisse, wobei hierbei Hoffnung besteht, dass durch eben jene internationale Zusammenarbeit Lösungen gefunden werden, indem gemeinsam Strategien und Instrumente für das Gemeinwohl entwickelt werden. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist beispielsweise das „Kyoto-Protokoll“, ein Abkommen, das zurzeit von 156 Ländern unterschrieben ist und den weltweiten Klimaschutz garantieren soll.

Die anwachsende Verflechtung verschiedenster Bereiche beruht neben dem Transitverhalten auch auf technischen Errungenschaften, wie der Kommunikations- und der Informationstechnologie. Durch diese wird der Austausch um den gesamten Erdball erst möglich. Eine neue, schon längst nicht mehr virtuelle Welt lässt Menschen zur Gemeinschaft werden und zusammenrücken. Wobei hier eingewendet werden muss, dass die Globalisierung den technischen Fortschritt keineswegs fördert. Die Grundlagen für aktuelle High Tech Geräte sind vor 1980 entstanden und basieren auf Forschung und Erfindungen, welche unabhängig vom internationalen Geschehen sind. Die Innovationskraft mag zwar beschleunigt werden, jedoch entstehen zeitgleich riesige Monopole und der Wettbewerb wird ausgeschaltet. Der Mensch versinkt in Machbarkeitswahn und Technologie blüht auf zu einer neuen Religion. Die Mittel der Technologie als Symptombekämpfung für sinnerfülltes Dasein sind begrenzt und die Menschheit wird enttäuscht.

Der Mensch als soziales Wesen ist ein manipulierbares Organ des Produktionsprozesses geworden. Mit dem Weg der Globalisierung hat er die gesellschaftlichen Grundlagen, soziales Verhalten und gemeinschaftliche Zuversicht, ad absurdum geführt. Unsere Gesellschaft ist im Begriff dazu, in einer Depression zu versinken. Der Prozess hat sich unumkehrbar verselbstständigt und wir beugen uns dem Diktat des Kapitalismus. Die Gegenwart ist grau und die Zukunft scheint noch farbloser.

Freilich sollte hier bedacht werden, dass der Prozess der Globalisierung dazulernt und Verflechtung auch zu mehr Wissen und einer grösseren Spannbreite an Kunst und Kultur führt. Gerade durch die Konsumbereitschaft ist es auch möglich, dass Kultur ein so hohes Ansehen erreicht hat. Doch findet sich bedauerlicherweise der Umstand, dass die Kulturvielfalt degeneriert und jeglicher Kulturrelativismus für ein universelles Wertesystem des Westens Platz macht, sprich: Amerikanisierung. Das in den letzten Jahrzehnten angestiegene Selbstwertgefühl der Menschen und die dabei ständige Bedrohung durch die Aussenwelt, sich schämen zu müssen, lässt jeden bestreben, individuell und perfekt zu sein. Doch genau das geht durch den Drang, ständig massenweise Novitäten zu schaffen, verloren. Es bleibt nichts anderes übrig, als bereits Dagewesenes zu kopieren. Die Kreativität, das Individuelle ist sinnentleertes Getue geworden, welches einzig noch den Teufelskreis des Kapitalismus aufrechterhält.

In Abwägung all dieser Aspekte komme ich abschliessend zu der Überlegung, dass zwingend ein Paradigmenwechsel vom ungebremsten Wachstum hin zur Enthaltung stattfinden muss. Doch die Veränderung muss bei jedem Einzelnen beginnen. Ausbeutung muss stoppen und unbedingtem Altruismus Platz machen. Falls dies nicht gelingen sollte, kann ich nur noch eine unbeantwortbare Frage aufwerfen: Quo vadis?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.